Die sehr artenreiche Gruppe der Milben ist phylogenetisch
kaum fassbar. Die Monophylie der Milben ("Acari") ist
umstritten, und die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der
Milben und zu den anderen Cheliceratengruppen sind völlig
unklar. Da ich hier in der Zoographia Germaniae trotzdem eine
Entscheidung treffen muss, damit ich die hierarchische
Link-Struktur aufrecht erhalten kann, habe ich mich auf der
Basis der neuesten Studien zur Phylogenie der "Acari" zu
folgendem Konzept entschlossen, das in Abb. 1 dargestellt
wird.
Nach den Ergebnissen von Pepato et al. (2022) unterteilt
sich die große Artenvielfalt der Milben (über 60.000 bekannte
Arten) in zwei gesichert monophyletische Großgruppen, die
Acariformes und die Parasitiformes. Ob diese beiden
Großgruppen wiederum ein Monophylum Acari bilden, ist stark
umstritten (in Abbildung 1 deshalb mit gestrichelten Linien
und Fragezeichen versehen). Die Verwandtschaftsverhältnisse
innerhalb der beiden Großgruppen sind derzeit noch unklar. Bei
den Parasitiformes zeichnet sich in der Literatur jedoch eine
Übereinstimmung der morphologisch und genetisch ermittelten
Verwandtschaftsverhältnisse ab. Als basale Abzweigungen gelten
demnach die Opilioacarida, danach die Holothyrida. Der
Großteil der Arten verteilt sich dann auf die beiden Monophyla
Ixodida und Gamasida (= Mesostigmata). Bei den Acariformes
gibt es bislang jedoch kein einheitliches Bild der
Verwandtschaftsverhältnisse. Ich folge hier der bislang
umfangreichsten Studie dazu (Pepato et al. 2022). Der Großteil
der Arten verteilt sich demnach auf zwei Monophyla,
Sarcoptiformes und Trombidiformes. Um Verwirrung zu vermeiden,
ist jedoch zu betonen, dass diese beiden Taxa in ihrem Umfang
nicht den gleichnamigen Taxa entsprechen, wie sie in den
klassischen Systemen der Milben verwendet werden. Die
"klassischen Trombidiformes" sind eine nicht-monophyletische
"Sammelgruppe", die damit auch viele Arten enthält, die nur
deswegen hier einsortiert werden, weil sie in der klassischen
Systematik nirgendwo anders "hineinpassen". Die Trombidiformes
im Sinne von Pepato et al. (2022) sind jedoch monophyletisch
und enthalten nur einen Teil der "klassischen Trombidiformes".
Die übrigen "klassischen Trombidiformes" sind in der Analyse
von Pepato et al. (2022) nun entweder Teil der Sarcoptiformes
(die dadurch auch nicht mehr den "klassischen
Sarcopteriformes" entsprechen) oder bilden eine basale
Gruppierung einzelner Familien und Überfamilien (Eriophyoidea
(Gallmilben), Nematalycidae, Nanorchestidae und Alycidae). In
der Analyse von Pepato et al. (2022) bildet diese basale
Gruppierung eine monophyletische Gruppe, allerdings mit
schwacher Unterstützung. Ich vermute deshalb, dass es sich
hier stattdessen in Wirklichkeit um eine basale
paraphyletische Gruppierung handelt, aus der dann sowohl die
Trombidiformes als auch die Sarcoptiformes hervorgegangen
sind. Ich betrachte diese Taxa deshalb als unaufgelöste basale
Linien im Stammbaum. Eine Besonderheit scheint die Art
Proteonematalycus wagneri zu sein, die erst 1989 in den USA
entdeckt worden ist (Kethley 1989). Diese Art bildet einen
eigenen Ast an der Basis der
Trombidiformes-Sarcoptiformes-Dichotomie.
Für das hierarchische System hier in der Zoographia Germaniae
benötige ich Taxa, denen ich innerhalb der Classis Chelicerata
den Rang einer Ordo zuweisen kann. Hierfür bemühe ich mich,
nur als gesichert monophyletisch geltende Gruppen zu
verwenden, was bei den Acari aber offensichtlich schwerfällt.
Die Acari als Ganzes sind vermutlich kein Monophylum, scheiden
damit als Ordo aus. Die beiden gut als Monophyla begründeten
Taxa Acariformes und Parasitiformes kämen als Ordines in
Frage, sind aber meiner Ansicht nach noch zu divers und für
Lernende deshalb zu unübersichtlich. In der Fachwelt und der
Fachliteratur wird ja heute auf Ränge verzichtet, weil die
Zuweisung dieser Ränge subjektiv (und damit nicht
wissenschaftlich) ist. Ich stimme dieser Auffassung auch
völlig zu, habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Vergabe
von wenigen grundsätzlichen(!) Rängen (Stamm, Klasse,
Ordnung, Familie, Gattung), es vor allem für alle Lernenden
(z. B. Schulkinder und Studierende) erheblich leichter macht,
einen schnellen Überblick über eine Organismengruppe zu
erhalten, weil durch die Ränge sofort klar ist, wie die Taxa
zueinander in Beziehung stehen. Das funktioniert dann am
Besten, wenn die Taxa, denen man die genannten,
grundsätzlichen Ränge zuordnet, auch morphologisch recht
einheitliche und deshalb für die Lernenden leicht erfassbare
Gruppen sind. Das wäre bei den noch viel zu umfangreichen
Parasitiformes und Acariformes nicht wirklich der Fall. Bei
den Parasitiformes fasse ich deshalb deren monophyletische
Untergruppen Opilioacarida, Holothyrida, Ixodida und Gamasida
als Ordines auf, wobei jedoch nur die letzten beiden Gruppen
in Deutschland auch vertreten sind. Bei den Acariformes sind
die Trombidiformes und Sarcoptiformes (beide sensu Pepato et
al. 2022) mehr oder weniger gut als Ordines aufzufassen (es
sind immer noch sehr große und biologisch diverse Gruppen) und
dazu auch jeweils einzeln die weiteren (größtenteils
unaufgelösten) Äste. Weil es sich hierbei um drei Familien,
eine Überfamilie und eine einzelne Art handelt, fehlen dafür
noch die entsprechenden Ordo-"Container". Für die Gallmilben
existiert bereits ein Taxon auf der Ebene oberhalb der
Superfamilia, nämlich das Taxon Tetrapodili Bremi 1872, das
ich hier deshalb im Rang einer Ordo verwende, auch wenn die
Gefahr einer Verwechslung mit den Tetrapoda (Landwirbeltiere)
möglich ist. Für die ebenfalls in Deutschland vorkommenden
Nanorchestidae und Alycidae verwende ich als Ordo-Namen
jeweils den Familia-Namensstamm mit der Endung -formes.