Der Name "Gliridae" wird von den meisten Autoren dem
Enzyklopädie-Eintrag Muirheads (1819) zugeschrieben.
Allerdings ist dieser nicht original, sondern das von Muirhead
verwendete System basiert auf dem System von Desmarest (1804),
das wiederum auf die Enzyklopädie von Vicq d'Azyr (1792)
zurückgeht. In diesem Werk unterteilt Vicq d'Azyr die Gruppe
der "Quadrupèdes" in mehrere "Classes", die wiederum in
"Genres" unterteilt werden. Der taxonomische Rang dieser
Unterteilungen ist schwierig zu beurteilen, es scheint jedoch,
als wären die "Classes" weit oberhalb der Familia im heutigen
Verständnis angesiedelt, während die "Genres" dem Rang einer
Familia entsprechen. In ausgewählten "Genres" führt Vicq
d'Azyr noch "Divisions" ein, die dann in etwa dem Rang von
Genera im heutigen Verständnis entsprechen. Das Werk kann
nicht unmittelbar als "binominal" bezeichnet werden, da keine
Binomina für die Arten verwendet werden. Das Werk kann jedoch
auch nicht als "nicht binominal" bezeichnet werden, weil für
die Arten durchweg französische normalsprachliche
Bezeichnungen verwendet werden. Man kann also nicht
beurteilen, ob das Werk von Vicq d'Azyr tatsächlich
nicht-binominal ist, oder ob Vicq d'Azyr die binominale
Nomenklatur lediglich nicht nutzte, weil sein Augenmerk auf
der überartlichen Systematik lag. Vicq d'Azyr führt in seinem
Werk erstmals eine Gruppe namens "Glirini" ein, und zwar im
Rang seiner "Genres", also aus heutiger Sicht vermutlich als
Familia. Allerdings gehört die (heutige) Gattung Glis gar
nicht zu seinen "Glirini", weil er den Siebenschläfer als
"Loir" seinem "Genre" Sciurii zuordnet. Nachfolgende Autoren
haben die Systematik von Vicq d'Azyr übernommen, sie aber
modifiziert. Die Gruppe der "Glirini" taucht als "Famille
Glirins ou Loirs, Glirini" bei Desmarest (1804) wieder auf,
diesmal jedoch enthält sie den Siebenschläfer, allerdings als
"Genre Loir, Myoxus" und "Le loir (myoxus glis Linn.)". Somit
führt Desmarest zwar eine neue Familie "Glirins" ein, der Name
der Familie leitet sich jedoch nicht vom Namen einer in der
Familie enthaltenen Gattung ab und erfüllt deshalb Article
11.7.1. (ICZN 1999) nicht.
In der Neuauflage der Enzyklopädie über ein Jahrzehnt später
gibt Desmarest (1817) dann eine modifizierte Definition in
drei Lemmata:
"GLIRES. V.[=vide] Glis. (Desm.)
GLIRIENS. Famille de mammifères que j'ai établie, dans le
tableau méthodique qui termine la première édition de cet
ouvrage, et dans laquelle je faisois entrer les gerboises, les
gerbilles et les loirs, tous à molaires échancrées, sans
abajoues, à extrémités postérieures plus longues que les
antérieures, et souvent démesurément allongées; à queue longue
et poilue, etc. (Desm.)
GLIS. Nom latin des loirs. Il a été quelquefois donné à des
Gerboises. Au plurier, glires, il a été appliqué à l'ordre
entier des rongeurs. (Desm.)"
Nun erfüllt der neue Familienname "Gliriens" alle Kriterien
des Article 11.7.:
1) "it must be a noun in the nominative plural"
Der Begriff "Gliriens" ist der französisch geformte Plural von
"Glis", entspricht also in etwa im Deutschen einer Pluralorm
"die Glirinen", ist also eindeutig ein Nomen im Nominativ
Plural.
2) "formed from the stem of an available generic name"
Der Gattungsname Glis wurde in Opinion 1894 (ICZN 1998) nach
der Beschreibung durch Brisson (1762) als verfügbar
(available) erklärt, ist also ein verfügbarer Name. Sein
grammatikalischer Stamm ist "Glir-", somit ist "Gliriens"
eindeutig eine Bildung auf der Basis dieses grammatikalischen
Stamms.
3) "then used as valid in the new family-group taxon"
Im Lemma "Gliriens" nutzt Desmarest (1817) lediglich den
französischen Namen des Siebenschläfers ("les loirs"), gibt im
nächsten Lemma aber den lateinischen Namen von "le loir" als
"Glis" an. Somit nutzt er eindeutig Glis als gültigen
Gattungsnamen des Siebenschläfers in seiner Familie
"Gliriens". Es kann eingewendet werden, dass er unter dem
Lemma "Myoxus" stattdessen diesen Namen als gültigen
Gattungsnamen für den Siebenschläfer verwendet. Allerdings ist
der Enzyklopädieband, in dem das Lemma "Myoxus" enthalten ist,
erst 1818 veröffentlicht worden (Desmarest 1818), so dass die
zeiteingeschränkte Formulierung "then used as valid" bei der
Publikation von "Gliriens" im Jahr 1817 nur "Glis" aber nicht
"Myoxus" als valide genutzten Namen zulässt.
4) "be clearly used as a scientific name"
Desmarest nutzt zwar eine französische Form, aber der Name ist
eindeutig als Fachbegriff zu verstehen, da Desmarest an
anderer Stelle auch normalsprachliche Formen wie "les loirs"
verwendet.
5) "to denote a suprageneric taxon"
Desmarest kennzeichnet seine "Gliriens" ausdrücklich als
"famille", damit ist ein supragenerischer Rang sehr
wahrscheinlich.
6) die Form "Gliriens" entspricht in der Form nicht einer
latinisierten Form mit standardisierter
family-group-name-Endung. Da der Name jedoch vor 1900
publiziert wurde, darf er nach Article 11.7.2. nachträglich in
die korrekte Form gebracht werden: Gliridae.
7) die Tatsache, dass der Band der Enzyklopädie als Lemmata
nur genus-group-names, family-group-names oder noch
höherrangige Namen nutzt, ist nach Article 11.4.1. kein Grund
das Werk als "nicht durchgängig binominal" abzulehnen.
8) nach Article 12 muss jeder neue Name von einer Beschreibung
begleitet sein, was hier durch die Auflistung der Merkmale in
der Beschreibung der "Gliriens" vollumfänglich gegeben ist.
Daraus ergibt sich als valider Name für die Familie:
Gliridae Desmarest, 1817
= Myoxidae Gray, 1821