1. Definition von "Leben"
Die grundsätzliche Frage, was Leben eigentlich ist und wie
man es definieren kann, ist noch stark umstritten. In Schul-
und Lehrbüchern werden oft Listen aufgestellt, welche
Eigenschaften das Lebendige vom Nichtlebendigem unterscheiden
("Kennzeichen des Lebendigen"). Die meisten dieser Merkmale
lassen sich jedoch auch bei Nichtlebendigem in gleicher oder
ähnlicher Form finden. Es gibt nur ein einziges Kriterium, das
alles Lebendige verbindet und gleichzeitig bei Nichtlebendigem
nicht vorkommt: die Fähigkeit nach den von Charles Darwin und
Alfred Russel Wallace entdeckten Prinzipien zu evolvieren. Der
Prozess der Darwinschen Evolution ist also die Grundlage
jeglicher Biologie: das Leben wird definiert, als alles, das
die Fähigkeit zur Evolution besitzt. Nichtlebendiges ist
mithin alles, dem die Fähigkeit zur Evolution fehlt.
Interessanterweise erklärt diese Erkenntnis über den
Unterschied zwischen dem Lebendigen und dem Nichtlebendigen,
warum es noch nicht gelungen ist, die Frage nach der
Entstehung des Lebens wissenschaftlich zu beantworten. Denn:
Nichtlebendiges kann per definitionem nicht evolvieren, es
kann sich also nicht durch Evolution schrittweise zu
Lebendigem "weiterentwickeln". Ausgerechnet die grundlegende
Erkenntnis der Biologie, die Darwinsche Evolution, die
widerspruchsfrei erklärt, wie sich die Lebewesen im Laufe der
Zeit verändern und neue Arten entstehen, kann nicht
herangezogen werden, um die Entstehung des Lebens an sich zu
erklären. Da aber zumeist angenommen wird, dass das Lebendige
aus Nichtlebendigem entstanden ist, ergibt sich das bislang
ungelöste Problem der Entstehung des Lebens: weil der Prozess
der Darwinschen Evolution erst nach der Entstehung des
Lebendigen beginnt, muss für die Entstehung des Lebens
zwingend ein anderer Prozess angenommen werden. Um welchen
Prozess es sich dabei handeln könnte ist unklar.
2. Entstehung des Universums
Mit der Entstehung des Universums vor etwa 14 Milliarden
Jahren beginnt die Existenz unserer Raumzeit, in der wir
leben. Es gibt viele Vorstellungen zur Entstehung des
Universums; das von den bislang erhobenen Daten am besten
unterstützte Modell ist, dass das Universum unvermittelt in
einer sog. Initialsingularität entstanden ist, dem "Big Bang"
(dt. "großer Knall", Urknall). Das weitere Geschehen nach dem
Urknall wird oft als "Evolution" des Universums bezeichnet,
hat jedoch mit Evolution im Sinne Darwins nichts zu tun, da
sich die Darwinsche Evolution nicht auf der Ebene des
Individuums, sondern auf der Ebene der Population abspielt.
Der Prozess nach dem Urknall stellt in Wirklichkeit ein
einfaches, regelhaftes Entwicklungsgeschehen eines Individuums
dar: so wie sich z. B. das menschliche Individuum nach den
Regeln der Zellbiologie und Genetik von der befruchteten
Eizelle bis zu einem Erwachsenen entwickelt, so hat sich das
Universum nach den Regeln der Naturgesetze vom Urknall bis zu
seinem heutigen Zustand entwickelt. Wichtige
Entwicklungsprozesse des jungen Universums sind beispielsweise
die Entstehung der fundamentalen Kräfte und Elementarteilchen
und die Bildung der ersten Atome, später dann auch die
Entwicklung der Sterne, Galaxien und Planeten.
3. Entstehung des Lebens
Für die Biologie ("Lehre vom Leben") sind dabei die
Entstehung des Sonnensystems und der Erde von besonderer
Bedeutung, denn nach den bisherigen Erkenntnissen der
Forschung ist die Erde der einzige Ort im Universum an dem
Leben existiert. Die Bildung der Erde vollzog sich vor etwa
4,6 Milliarden Jahren, die ersten fossilen Spuren von Leben
auf der Erde sind etwa 3,5 Milliarden Jahre alt. Die
Entstehung des Lebens (engl.: Origin of Life) ist bis heute
noch unverstanden. Möglich ist, dass der Origin of Life
ähnlich wie der Big Bang ein plötzliches Ereignis war, und
damit quasi einem Zeitpunkt entspricht. Es ist ebenso denkbar,
dass der Origin of Life ein längerer Prozess war, und damit
einen Zeitraum darstellt. Meist wird die letztere Auffassung
vertreten und es wird oft so dargestellt, dass dem Auftreten
der ersten Lebewesen ein längerer Prozess der "chemischen
Evolution" vorangegangen ist. Allerdings ist dies wenig
wahrscheinlich: chemische Moleküle können im Sinne der
Darwinschen Evolution zwar verändert werden ("Mutation") und
können anhand ihrer Eigenschaften auch durch Umweltbedingungen
selektiert werden ("Selektion"), es gibt jedoch keine
bekannten natürlichen Moleküle, die ihre Eigenschaften an
Nachkommen weitergeben können. Eine chemische Evolution im
Sinne der Darwinschen Evolution ist deshalb nicht möglich.
Ein ähnliches Modell zum Origin of Life ist die sog.
"RNA-Welt"-Hypothese, bei der angenommen wird, dass zunächst
besondere RNA-Moleküle (sog. Ribozyme) nicht nur als
Informationsspeicher gedient haben, sondern als Enzyme auch
einfache enzymatische Prozesse katalysiert haben. Somit
vereinen Ribozyme die beiden Aufgaben, die üblicherweise
zwischen den Nucleinsäuren (Informationsspeicherung) und den
Proteinen (Durchführung enzymatischer Prozesse) aufgeteilt
sind, in einem einzigen Molekül. Jedoch kann auch das
RNA-Welt-Modell bislang keine Auskunft darüber geben, wie der
Übergang von solchen Ribozymen zum selbstreplizierenden Leben,
wie wir es heute kennen, stattgefunden hat.
Eine der Grundfragen der "Lehre vom Leben", nämlich nach der
Entstehung des Lebens, ist also noch heute unbeantwortet. Kann
Leben auch heute noch neu (de novo) entstehen ("Urzeugung")?
Oder liegen die Bedingungen für die Entstehung des Lebens
heute nicht mehr vor? War die Entstehung von Leben
möglicherweise nur in der fernen Vergangenheit möglich, als
die Bedingungen auf der Erde noch ganz anders waren? Ist
damals das Leben dann aber vielleicht sogar an vielen Orten
unabhängig voneinander mehrfach entstanden? Oder gab es auf
der Erde niemals die richtigen Bedingungen für die Entstehung
von Leben, und das Leben ist stattdessen anderswo im Universum
entstanden und z. B. durch Meteoriten auf die Erde gelangt
(Panspermie-Hypothese)?
Gegenwärtig kann die biologische Forschung zu diesen Fragen
nur wie folgt Stellung beziehen:
a) Bislang ist die de novo Entstehung ("Urzeugung") von
Leben nicht beobachtet worden. Das kann bedeuten, dass heute
kein Leben mehr entstehen kann. Möglich ist aber
beispielsweise auch, dass der Prozess auch heute noch beginnen
kann, jedoch mit unseren derzeit verfügbaren Methoden nicht
erkannt werden kann.
b) Bislang ist Leben ausschließlich von der Erde bekannt. Auf
manchen Himmelskörpern (z. B. auf den Saturnmonden Titan und
Enceladus) sind die physikalischen und chemischen Bedingungen
für die Existenz von Leben gegeben, und es werden ständig
neue, weit entfernte Sonnensysteme mit erdähnlichen Planeten
entdeckt. Leben konnte dort jedoch bislang nicht nachgewiesen
werden. Spuren von möglichen außerirdischen Lebewesen, z. B.
die bakterienähnlichen fossilen Strukturen im Mars-Meteoriten
ALH84001 und die Biosignaturen auf dem Mars und dem Planeten
K2-18 b (Madhusudhan et al. 2025; Hurowitz et al. 2025) werden
kritisch gesehen. Auch die Suche nach intelligentem
außerirdischem Leben (z. B. die SETI-Suche nach
Kommunikationssignalen (Search for Extra-Terrestrial
Intelligence) oder die UFO-Programme des
US-Verteidigungsministeriums) ist bislang erfolglos verlaufen.
c) Alle wissenschaftlich bekannten Lebewesen auf der Erde
sind miteinander verwandt und stammen von einem gemeinsamen
Vorfahren ab. Dieser Vorfahr wird in der Literatur meist als
LUCA bezeichnet (ein Akronym von Last Universal Common
Ancestor). Das bedeutet aber nicht automatisch, dass LUCA auch
das allererste Lebewesen war. Der Origin of Life kann
beispielsweise zeitlich vor der Existenz von LUCA liegen. Die
weiteren Nachkommen des allerersten Lebewesens (neben LUCA und
seinen Nachkommen) müssten dann aber entweder heute
ausgestorben oder noch unentdeckt sein.
Es empfiehlt sich deshalb, das Thema "Entstehung des Lebens"
möglichst offen zu diskutieren. Oft wird mit dem
Urey-Miller-Experiment, der "Ursuppe", den "Koazervaten",
"Mikrosphären", "Protocyten" und "Protobionten", der
Hyperzyklen-Theorie der 1970er-Jahre und der "chemischen
Evolution" der Eindruck erweckt, dass der Origin of Life
bereits wissenschaftlich fassbar wäre. Neben den zahlreichen
mythischen oder religiösen Vorstellungen in vielen Kulturen
der Menschheit (z. B. Schöpfung, Emanation), gibt es jedoch
bislang keine vollständige naturwissenschaftliche Vorstellung
dazu. Die bereits erwähnten Hypothesen der "chemischen
Evolution", der RNA-Welt und weitere Hypothesen beinhalten
alle jeweils verschiedene Elemente des Evolutionsprozesses und
sind deshalb zwangsläufig unzulänglich. Vorstellungen die
gänzlich ohne Evolutionsprozesse auskommen sind bislang nur
spekulativ. Eine solche Idee ist die sogenannte Creatio
spontanea (Spontanzeugung). Hierbei wird eine spontane
Entstehung des Lebens analog zur Initialsingularität des
Urknalls angenommen. Eine sich aus den Naturgesetzen
ableitende wissenschaftliche Grundlage dieser Spontanzeugung
"aus dem Nichts" existiert jedoch noch nicht. Eine weitere
Idee ist die sogenannte Emergenz (auch Fulguration genannt).
Es ist bekannt, dass manche Systeme, die aus Einzelteilen
zusammengesetzt sind, Eigenschaften haben, die keines der
Einzelteile besitzt (emergente Eigenschaften). Es wird deshalb
vermutet, dass Leben eine emergente Eigenschaft biochemischer
Systeme sein könnte, dass die Eigenschaft "Leben" also
plötzlich entsteht, sobald eine bestimmte
Komplexitäts-Schwelle eines biochemischen Systems
überschritten wird. Auch hier gibt es jedoch noch keine
physikalischen, chemischen oder mathematischen Grundlagen, die
Leben als emergente Eigenschaft biochemischer Systeme
begründen können.